Ohne Ende. Vom Gipfel des Mulhacén sehn wir die ganze Sierra. 1700 Höhenmeter am Stück.
Bike 04/2009

Spanische Wand

Die Sierra Nevada wäre eigentlich staubtrocken. Doch die Wand aus schroffen Felszacken kratzt den Regen vom spanischen Himmel. Eine Durchquerung wird damit zum Abenteuer.

Unser Vorhaben droht bereits am Durchleuchtungsgerät des Münchner Flughafens zu zerschellen: Alarmstufe rot! Nicht wegen Hannes' langer Haare oder der Bikeshorts, die er jetzt schon am Leib trägt. Nein, es sind die Messer und Flüssigkeiten in seinem Rucksack, die die Beamten aus der Routine schrecken. Hannes schwört, er habe die Messer noch nie gesehen. Berny zerreißt es dagegen fast vor Lachen: Ein kleiner Spaß von Freund Andi, der wegen Job und Familie diesmal nicht mitkommen kann ...

Erstaunlicherweise erreichen wir Granada dennoch wie geplant. Abends bleibt sogar noch Zeit für ein Glas Wein auf der Placa Nueva. Gaukler und Feuerspucker bevölkern den Platz, darüber strahlt die angeleuchtete Alhambra und irgendwo dahinter, in der schwarzen Nacht, türmt sich die Sierra Nevada. Spaniens höchstes Gebirge auf dem Festland - morgen früh werden wir seine Durchquerung bis nach Almeria in Angriff nehmen.

Der Himmel klebt Wolkenverhangen am schwarzen Vulkangestein unseres Schotterweges.

Doch gleich der erste Anstieg trifft uns am nächsten Morgen wie eine Keule: 2300 Höhenmeter am Stück klettern wir bis zur Albergue Universitario hinauf. Die Sonne bestrahlt bereits nur noch den Himmel glutrot, als wir unsere erste Unterkunft erreichen. Eiskalter Wind fegt hier oben ums Haus, doch drinnen wartet ein freundlicher Wirt, der uns ein Drei-Gänge-Menü serviert.

Als wir im Morgengrauen aus der Hütte treten, ist der eisige Wind noch da und der restliche Anstieg ebenfalls. Knapp 1300 Höhenmeter sind es noch zum höchsten Gipfel, dem Mulhacen (3482 m). Sehen können wir den Berg leider nicht. Laut Karte muss er aber da oben irgendwo in den Wolken stecken. Irgendwann zeichnet sich eine Hütte in der grauen Felslandschaft ab: das Refugio La Caldera. Es ist unbewirtschaftet, kein Mensch weit und breit. Wir beschließen, unser Gepäck hierzulassen, denn der Weg scheint auf den letzten 250 Höhenmetern immer beschwerlicher zu werden. Die letzten Meter müssen wir wirklich schieben, doch immerhin hat sich jetzt der Wolkenvorhang verzogen: Wie ein Ameisenhaufen wuselt ganz unten Granada. Die komplette Sierra Nevada staffelt sich in alle Himmelsrichtungen - die Aussicht vom höchsten Punkt des spanischen Festlandes ist überwältigend.

Sie wird nur noch getoppt von der 1700 Höhenmeter langen Abfahrt nach Capileira, in die wir uns am nächsten Morgen stürzen. Der TraiI, der sich hier durch diese felsige Mondlandschaft schlängelt, übertrifft all unsere Erwartungen. Bizarre Felsformationen fliegen vorbei, kleine blaue Seen blitzen wie Augen aus dieser Schotterwüste und der Pfad will kein Ende nehmen. Kurve um Kurve schickt er uns wie Flipperkugeln durch diese atemberaubende Landschaft. ..Hey, Jungs, ab sofort gibt's jeden Tag so einen TraiI! ", ich kann es selbst kaum fassen, aber wenn unsere Karte stimmt und die Wegarten alle einheitlich eingezeichnet sind, dann sind wir hier wirklich im SingletrailParadies gelandet.

Mondlandschaft am Mulhacén: Mit seinen 3842 Metern der höchste Gipfel des spanischen Festlandes.

Von Capileira und Busqistar führt uns der Fernwanderweg GR 7 weiter nach Trevelez. Ein Bergdorf, das für seinen luftgetrockneten Schinken berühmt ist. Eine Viertel Keule schaffen wir, bevor wir uns am Orts rand irgendwo in unsere Schlafsäcke rollen. Als ich aufwache, ist es noch dunkel, mein Schlafsack aber außen ganz nass. Es regnet. Wir können gerade noch in einen nahegelegenen Rohbau flüchten, bevor wirklich alle Klamotten durchweicht sind.

Als wir nach Juviles hinaufkurbeln, regnet es zwar Leichtes Gepäck und Selbstversorgung: eine Woche Freiheit pur! Nicht, doch der wolkenverhangene Himmel klebt fast am schwarzen Vulkangestein unserer Schotterstraße - dann schüttet er doch seine nasse Fracht über uns aus. Doch es sind nur noch ein paar Meter bis zum höchsten Punkt. Dahinter wartet wieder ein Abfahrts-Trail, der uns den Regen vergessen lässt: ein Pfad mit natürlichen Steilwandkurvenl Nichts rutscht, nichts staubt, die Reifen greifen in den satten Boden und wir können es laufen lassen.

Bis zum Abschwung im kleinen Bergort Timar, wo es mir auf dem Dorfplatz den Reifen um die Felgen haut. Durchschlag. Die Kollegen schlagen genervt die Augen gen Himmel. Mein dritter Platten heute. Die Ersatzschläuche sind verbraucht und der Regen tropft noch immer in Fäden aufuns herunter. "Setzt euch in eine Bar, ich mach das." Als ich den Reifen geflickt habe, muss ich die anderen suchen. Eine Bar gibt es wohl gar nicht hier. Endlich entdecke ich die Bikes. Sie lehnen an einer Hauswand. Ich drücke die Holztür auf, ein Mann namens Julio begrüßt mich in gebrochenem Deutsch. Meine Kumpels seien oben in der Stube. Ob ich auch einen Malzkaffee wolle? Trotz der Gastfreundschaft müssen wir heute noch weiter durch den Regenvorhang bis nach Cadier. Hier gönnen wir uns ein Hotelbett und einen rauschenden Abend im "Lou Lou", wo sich Hannes im Morgengrauen noch zu einem Schlagzeugsolo hinreißen lässt.

So dauert es morgens eine Weile, bis wir den Trail vor uns richtig wahrnehmen. Er führt uns auf der Südseite der Sierra nach Nechite. Traumblicke in die Täler der Alpujarres tun sich auf. Die Vegetation ist hier viel üppiger. Feigen, Granatäpfel, Mandeln und Weintrauben - die kleinen Snacks lenken uns ein wenig ab, vom unwegsamen 16S0-Höhenmeter-Anstieg zum Chullo. Oben angekommen, raubt uns dicker Nebel und die untergegangene Sonne die Aussicht. Hannes kneift die Augen zusammen: "Ein Biker, da vorne!" Es ist eine Bikerin aus Almeria, die zu einer Schutzhütte will. Sie zeigt uns auf der Karte eine verlassene Kupfermine, in der wir übernachten können.

Die Abfahrt nach Andarax führt in eines der schönsten Täler.

Etwas steif gefroren rutschen wir nach einer eisigen Nacht den steilen Weg nach Laujar de Andarax hinunter. Er entpuppt sich als Traum-Trail, der sich über den GR 142 bis Almocita fortsetzt. Selbst ein neuer Platzregen kann unseren Spieltrieb nicht mehr einbremsen. Das schafft erst kurz vor Illar ein völlig aufgeweichter Lehmweg. So erreichen wir den Ort leider nur schiebend auf dicken Plateau-Sohlen aus Schlamm. Egal, eine Oma reicht uns Waffenöl für unsere Ketten und so erreichen wir am nächsten Tag doch noch den Strand von Almeria.

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