Im Sommer nach Island? Spinnt Ihr? Spanien, Frankreich, Italien - Okay, aber Island?
Freeride 01/2009

Ice Age

Wer im Sommer nach Island faährt statt in den Süden, muss verrückt sein. Denn das Land ist rau, einsam, kalt, verregnet und sturmumtost. Doch uns konnte die wilde Urlandschaft nicht schrecken, denn wir suchten die Freeride-Trails der Wikinger. Und wurden fündig.

"Seid ihr denn total bescheuert?", schreit Hannes. So erzürnt habe ich den ruhigen Schwarzwälder mit seiner sonst so sanften Stimme noch nie erlebt. Wir alle schauen ihn erschrocken an. Der Sturm bläht die blaue Regenplane über seinem Rucksack und zerrt sie in alle Richtungen, als hätte er einen Sack voll bissiger Katzen auf dem Rücken. Das sieht ulkig aus, doch zum Lachen ist mir nicht zumute. Ich drücke mich an einen Felsbrocken, um vor dem Wind etwas Schutz zu finden, doch die Böen peitschen mir den Regen wie Stecknadeln ins Gesicht. Nur meine Schuldgefühle tun noch mehr weh. Andi steht neben mir und zuckt mit den Schultern. "Ich bin dem da gefolgt", plärrt er ins Sturmgetose. Ja, vielen Dank, Andi. Jetzt schauen alle zu mir. Mit grimmigen Gesichtern. Ihnen ist es ernst. Ja verdammt, mir ja auch, obwohl es meine Schuld ist, dass wir jetzt in diesem Geröllfeld stehen. Im gottverfluchten Niemandsland. In einem Tal ohne Namen und ohne Richtung, kein Pfad weit und breit. Ich war es, der kurzentschlossen - man könnte auch sagen: ohne Nachzudenken - in einen kaum sichtbaren Trail bog, entlang der Falllinie hinunter ins dieses Tal. Nur raus aus dem Sturm, der uns vom Berggrat zu wehen drohte. Andi folgte, dann Tom, Franz, Stephan und wider Willen auch Hannes, der aber wusste, dass das kompletter Unsinn war. Doch was hätte er auch tun sollen?

Besser nicht rechts abbiegen: Auf dem Trail nach Skogar muss Tom eisern Kurs halten. Was man auf dem Foto nicht sieht: den Wind in Sturmstärke.

In Island spraddelt das Wasser nach oben oder sprutzelt nach unten. Schade, dass wir unsere Wildwasser-Kajaks nicht mit hatten. "Das hier wäre ein netter Drop für mich", sagte Andi. " Angeber!", antwortete Tom.

"Okay, dann müssen wir wieder hoch auf den Grat", brülle ich in die Sturmböen und die Freunde legen synchron den Kopf in den Nacken und blinzeln durch den Regen hinauf, wo sich die Bergwände in den wolkenverhangenen Himmel türmen und der Wind wie eine Flugzeugturbine faucht. Hannes schüttelt den Kopf, die langen dunklen Haare fliegen. Auch Franz meutert beim Anblick der Geröllhänge, die bis dicht unter den Himmel reichen. Doch runter geht's auch nicht, mal davon abgesehen, dass die Richtung nicht stimmt. In der Talsohle liegen Felsblöcke im Wirrwarr verkeilt wie Eisenbahn-Waggons nach einer Zugentgleisung. Es würde Stunden dauern, hier mit Bike und Rucksack durchzuklettern. Selbst Franz und Hannes sehen das ein. Wir fluchen gemeinsam, schultern die Bikes, um uns mit schweren Schritten dem Wind entgegenzustemmen - hinauf zum Grat.

"Auf keinen Fall heute nach Skogar", hatte uns der mürrische Hüttenwart am Campingplatz in Porsmörk zugeraunt, als wir beim Frühstück viel zu viele Refills aus seinem Kaffee-Spender pressten und er uns nach der nächsten Etappe fragte. "Das Wetter ist tückisch oben an den Gletschern. Da sind schon Menschen erfroren". Ich muss unweigerlich an seine Worte denken, als ich merke, wie das Gefühl aus meinen Händen weicht.

Neben mir keucht Hannes, die Stirn in Falten geworfen. Solche Aktionen kotzen ihn an. Hannes ist kein Freund von Bauchentscheidungen und hasst Kurzschlussreaktionen. Er ist der ruhende Pol unserer Chaos-Truppe. Er weiß, wo's lang geht. Und das ist gut so, denn der Rest von uns weiß das meist nicht. Von mir ganz zu schweigen, ich verirre mich sogar auf Google Earth. Als Hannes vorschlug nach Island zu fahren, hatte er bereits einen Schlachtplan ausgearbeitet - der sah allerdings ganz anders aus. Doch jeder von uns hat seine eigenen Erwartungen an eine Reise wie diese. Hannes dachte dabei an Geysire, heiße Quellen, Vulkane, Islandponys und dickbusige Isländerinnen mit wasserstoffblondem Haar - eben an die Highlights aus seinem Reiseführer, die er daheim mit einem grünen Neon-Textmarker markiert hatte. Natürlich wollte er auch flowige Singletrails finden. Idealerweise sollten sie einen Höhepunkt seines Reiseführers mit dem nächsten verbinden. Dafür hatte er Karten studiert, Höhenlinien verglichen und wieder gemarkert - diesmal in hellblau. Denn alles muss ja seine Ordnung haben.

In Island ist alles doppel so teuer wie in D-Land. Uns ist das ziemlich egal, denn wir genießen in unseren bunten Taschenhotels den wundervollen Ausblick zum Null-Tarif

Stephan dagegen will vor allem Erster sein. Egal wobei: erster am Frühstücksbüffet (das wir hier leider selten fanden), erster beim ZeItabbauen, erster beim Downhill oder oben auf dem Berg. Für Stephan ist alles Wettkampf. Selbst Zähneputzen ("Ha, früher fertig, ihr Idioten! "). Rücksicht kennt er nicht. So passiert es, dass wir den kauzigen Regensburger mit seiner Hakennase und dem hysterischen Lachen erst abends wieder einholen. Im Tal Eyfiroingavegur treffen wir ihn in der Schutzhütte, wo er auf dem Weg gesammelte Birkenpilze über dem Benzinkocher dünstet und sich dabei ein Zigarettchen dreht. Nicht ohne uns listig anzugrinsen, als wir Stunden später erschöpft in die Hütte poltern, denn eine Portion Pilze hat er natürlich schon verdrückt. Über so ein Husarenstück freut sich der Kindskopf diebisch. Woher nimmt er nur die Kraft, frage ich mich? Dabei hatte ich ihn schon einen 19 Kilo Freerider mit 200 Millimetern Federweg, Kettenführung und Einfachkettenblatt aus dem Testkeller verpasst, während ich auf einem 14,5-Kilo-Enduro-Bike allen chronisch hinterherhechelte. Fürs nächste Mal, so schwöre ich mir, schraube ich ihm Lenker und Pedale an einen Kuhlschrank. Doch vermutlich wird er mich selbst damit abhängen.

Andi radelt auch mit einem schweren Freerider, strotzt vor Kraft und Energie wie Stephan, doch Alleingänger mag der Naturbursche mit Strubbelmähne und Indianergesicht nicht. Andi ist Mnschenfreund. Er genießt es, wenn wir alle zusammen sind. Es ist das Bindeglied unserer Gruppe, verordnet Harmoniestunden, wenn es Streitereien gibt, bietet zuerst den anderen ein Stück Schkolade an (wobei Stephan als erster zugreift), will dass sich alle verstehen und interessiert sich für Land und Leute "Wo sind denn all die Islander mit ihren Mountainbikes?" fragt er mich.

Ob es ins Island auch regnet? Wir endeckten Häuser, deren Fenster mit Scheibenwischer ausgerüstet waren.

"Keine Ahnung!" raunze ich, denn wenn ich ehrlich bin, freue ich mich. dass wir niemanden treffen. Mein Gefühl von Abendteuer und Freiheit stellt sich erst dann ein, wenn ich möglichst weit weg bin. Wo die Macht der Blackberries und Handys verpufft, wo Straßen und Stomleitungen aufhören und das permanente "tu dies nicht, tu das nicht" verstummt. Ich will mein Zelt aufstellen, wo es mir passt. Ein Lagerfeuer anzünden, ohne das mir der Forstinspektro auf die Shlter klopft, und in einen Singletrack einbiegen, ohne eine Großdemonstration des DAV auszulösen. Island ist nach meinem Geschmack. Es ist das am dünnsten besiedelte Land Europas. Gerade mal 300 000 Menschen leben hier, die meistn davon in der Hauptstadt Reykjavik oder dicht an der Küste, wo die Ringstraße als Lebensader alle verbindet. Doch im Landesinneren ist man schnell alleine. Einsam wird es dennoch nicht, denn ein Begleiter lässt selten abschütteln: der Wind.

Am starksten heult er jetzt hier. Oben auf dem Berggrat. Stephan schafft es als Erster heraus aus dem falschen Tal. Er krabbelt auf allen Vieren, das Bike geschultert. Oben angekommen greift der Wind sofort das Rad und dreht Stephan um seine Achse, bis er es schafft, den Kreisel zu beenden und das Bike wieder einzufangen. Zu sechst drängen wir weiter, jeder duckt sich in den Windschatten des Vordermanns. Der Wind rotkelt zwischen uns hindurch, ohrfeigt jeden, reißt an den Bikes, jault durch die Speichen, presst auf die Brust, um in nächsten Moment von hinten heranzusausen, die Regenshüllen aufzupusten und den Helm in die Stirn zu schieben.

Eine heiße Quelle mitten in den Bergen - wie schön hätte das sein können. Doch statt blonder Isländerinnen hocken diese fiesen Typen neben mir. Übrigens: In den natürlichen Whirlpools badeten schon die Wikinger bei ihren Raubzügen.

Dabei hatte alles so gut angefangen. Seit Tagen sind wir jetzt schon auf der bekanntlich schönsten Trekkingroute der Nordmeerinsel unterwegs: von Landmanndaleur nach Skogar. Reiseführer überschlagen sich in Superlativen, wenn es um diesen alten Wikinger-Pfad geht. Wir staunen trozdem icht schlecht, als wir über einsame Sandpisten den Ausgangspunkt der Trekkingtour erreichen. Dort herrscht eine Stimmung wie auf einem Openair-Konzert: Zelte überall, Leute sondieren ihre Ausrüstung, brechen auf oder kommen an. Wir schielen grimmig zu Hannes, der uns hierher lockte. Doch kaum erklimmen wir den ersten hang, sind wir wieder allein - und in einer anderen Welt. Wolkenfetzen wabern über braune Steinfelder, aus Erdlöchern blubbern heiße Dämpfe, es riecht nach Schwefel und Erde. Am Boden leuchten Moosteppiche in Phosphorgrün. Das Raffinierte an diesem Wandertral: sein Höhenprofil gleicht unserem Adrenalinspiegel - nur spiegelberkehrt. Nach einem kurzen, knackigen Anstieg geht´s noch bergab bis hinunter zum Meer. Wikingerstiefel trampelten Islands Vulkanerde.

Für Männergespräche am Abend braucht man ein zünftiges Lagerfeuer. Weil wir keine Grillkohle dabei hatten, verfeuerten wir Stephans Holzkopf und besprachen Sachen wie: "Wusstest du, dass man mit dem Motorschlitten 100 Meter weit springen kann?" - "100 Meter? Glaub ich nie im Leben."

Frauen rauben, Missionare erschlagen, Hütten anzünden und dann wieder heimsegeln - das war das gängige Programm. Doch vor der Heimfahrt wollten sie baden - in den heißen Quellen von Landmannalaugar. Auf dem Bergrücken Hrafntinnusker kommt bei einer Rastpause Stephan von einem kleinen Erkundungsgang zurück, reißt sich wortlos die Kleider vom Leib, trotz eisiger 5 Grad und Nieseiregen, sprintet nackt in die Richtung, aus der er kam, und verschwindet mit hysterischem Gelächter hinter den Lava-Felsen. Wir starrem ihm mit offenen Mündern nach. Kurz drauf lassen auch wir die Hüllen fallen. Stephan hatte eine dieser Wikinger-Quellen gefunden - einen natürlichen Whirlpool mit 40 Grad heißem Wasser mitten in den Bergen.

Außer heißen Quellen finden wir endlose Singletrails in einer Urzeitlandschaft. Wäre tatsächlich ein Wikinger ums Eck gebogen oder hätte sich ein Flugsaurier mot ledrigen Flügelschlägen in den Himmel erhoben - wor hätten uns nicht gewundert. Die Isländer vermutlich auch nicht, denn in ihrem Parlament gibt es sogar einen Feen-Beauftragten. Er ist dafür zuständig, dass Trolle, Feen und Naturgeister in Island ungestört bleiben. Dafür wird eine Straße auch mal in einem Schlenker um einen Feen-Hort herum gebaut.

Ja, in Island regnet s ab und zu.

In Alttaskard trauen wir unseren Augen nicht. Ich habe gerade meine Angel ausgeworfen, Tom dreht an seinem geliebten Benzinkocher herum, der kotzend und fauchend zum Leben erwacht, als plötzlich drei Mountainbiker vor uns stehen. .. Wir heißen Runar, Baldur und Bödvar. Wir haben eure Reifenspuren gesehen", sagt Runar und zieht eine große Tüte Stockfisch aus dem Rucksack. .. Wir haben uns schon gewundert, wer da in unserem Revier unterwegs ist." Als er die Fragezeichen in unseren Gesichtern sieht, fügt er hinzu: .. In Island gibt es nur 50 Mountainbiker und wir kennen sie alle." Ich hole meine Angel wieder ein und greife lieber in Runars Stockfischtüte, die er mir hinhält ... Das ist die isländische Antwort auf Powerbar", sagt Runar und stopft sich die getrockneten Fischstreifen in den Mund, während der Wind in seinen blonden Haaren wühlt. Ich kaue auch, doch das Zeug schmeckt, als würde man in ein Fischernetz beißen. Tom verzieht das Gesicht und kümmert sich wieder um seinen Kocher, über dem jägereintopf mit Pilzen blubbert. Gemeinsam mit den Isländern queren wir Eisfelder, waten durch Gletscherwasser, surfen über Trails, die sich in Kurven dem Horizont entgegenschwingen und rollen über kochende Vulkanerde. In Porsmörk verabschieden sich die Isländer, doch wir ziehen weiter. Und immer weht uns der Wind ins Gesicht. Immer stärker, bis er hier oben auf dem Berggrat zum Orkan anschwillt und sich die Ereignisse langsam zuspitzen

"Hallo? Ist da wer?" - Island hat die niedrigste Kriminalitäts' rate auf der ganzen Welt. Wen wundert's, da ist ja niemand. Hier fahren wir gerade von den braunen Bergen zu den roten Bergen, um irgendwann im sturm auf Hüttenwirt Uwe zu treffen, der uns rettet.

Hannes entdeckt die weiße Holzstange zwischen den Nebelfetzen, wo ich vorhin nur Weiß gesehen hatte. Er ruft, doch wir hören nur das Jaulen des Windes und folgen. Nass. Kalt. Die Köpfe zwischen die Schultern gezogen wie geprügelte Hunde. Stephan und ich noch immer in Shorts, statt Regenhose. Keine Chance die in diesem Sturm aus dem Rucksack zu zerren und anzuziehen. Irgendwann muss die verdammte Hütte doch kommen, die wir auf der Karte gesehen hatten. Doch sie kommt nicht, dafür kriecht uns die Kälte in die Knochen. "Wo ist die Hütte, wo ist die Hütte", murmle ich wie ein Mantra in den Regen, der mir quer ins Gesicht fliegt - und das Gelände steigt weiter an. Wasser läuft in die Augen. Bin ich noch fit oder bahnt sich so ein Unglück an? Irgendwo zwischen den Regenschleiern stemmt sich Andi gegen den Wind. Ich höre nur das harte, helle Knattern der Regenhülle über meinem Rucksack und ein dumpfes Brausen. Hinter mir folgen die anderen, doch ich sehe nur Hannes als blauen Farbtupfen in der Entfernung. Dass es diesmal wirklich knapp wird, merke ich, als ich in Stephans Gesicht schaue. Blaue Lippen, er zittert am ganzen Körper, kann sich kaum auf den Beinen halten. Monate später wird er im Winter am Gipfel des Aconcagua in Argentinien stehen, doch hier am Eyjafjallajökull-Gletscher bringt ihn eine zu spät angezogene Regenhose an die Grenze seiner Kräfte. "Da drüben muss die Hütte sein", schreit Hannes und der Wind bläst ihm die Worte aus dem Mund. Wir stehen am Ufer eines reißenden Gletscherbachs und starren in die Nebelwand auf der anderen Seite. Ich steige als Erster in die braunen Fluten - eine Alternative gibt es nicht. Ein Schritt und das eisige Wasser schnürt mir die Kehle zu. Bis zum Bauch sprudelt das Wasser. Ich taste mich zentimeterweise vorwärts, eine Bugwelle vor der Brust. Die Freunde folgen.

Unsere Räder bleiben zwischen den Steinen liegen. Da, in einem Wolkenloch hoch oben am Hang klebt die rettenden Hütte wie Schloss Dracula. Raus aus dem Fluss - jetzt spurten wir alle den steilen Hang hoch, als könnte die Hütte im nächsten Augenblick für immer verschwinden. Franz prallt gegen die Türe, will die Klinke drücken - bitte lass die Hütte offen sein, flehe ich - da öffnet sich die Türe von selbst und der Hüttenwirt winkt uns herein. "Menschenskinder, was macht ihr denn in dem Sturm da draußen!" Reumütig krabbeln wir ins Warme.

1 Kommentar

Gast wrote 43 Wochen 4 Tage ago

jEN2C6 Very good post.Really

jEN2C6 Very good post.Really looking forward to read more. Keep writing.
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